Veredeln von Obstbäumen - eine uralte Technik

Einleitung

Das Veredeln von Obstgehölzen ist eine uralte gärtnerische Technik, die jeder erlernen kann, der über eine gewisse manuelle Fertigkeit verfügt. Wann und wo die ersten Veredelungen ausgeführt worden sind und welche Überlegungen dazu geführt haben, läßt sich nicht genau nachweisen. Man weiß allerdings, daß schon die Phönizier 1000 vor Chr. Veredelte Bäume in ihren Obstgärten kultivierten. Das Veredeln ist eine Art der ungeschlechtlichen Vermehrung und wird im Obstbau deshalb angewendet, weil die Obstarten bzw. Obstsorten nur in Ausnahmefällen durch Samen echt vermehrt werden können.
Als Hobbyanbauer kann man im Frühjahr im Garten stehende Bäume, deren Sorten aus irgendwelchen Gründen den Ansprüchen nicht mehr genügen oder die trotz reichem Blütenflor kaum Früchte bringen, mit einer anderen Sorte umveredeln. Möglich ist das Umpfropfen eines ganzen Baumes mit einer aktuellen Sorte oder auch mit mehreren Sorten. Auch das Einveredeln einer fremden Sorte in die Krone einer selbstunfruchtbaren Sorte bringt meist den gewünschten Erfolg.


Vorbereitungen

Wer Obstbäume umveredeln (umpfropfen) will, sollte spätestens im Dezember überlegen, welche Sorten von Interesse sind. Edelreiser sollten im Januar, spätestens im Februar geschnitten sein und bis zur Veredlung im Frühjahr an einem kühlen, dunklen Platz, eingeschlagen in feuchtem Sand, aufbewahrt werden. Sie sollten rechtzeitig an die benötigten Arbeitsmaterialien denken, die man zum Umpfropfen benötigt: Baumsäge, Baum- bzw. Astschere, Pfropfmesser, Abziehstein, Raffiabast, Baumwachs (z.B. POMONA Baumwachs, kaltstreichbar). Vielleicht wäre das eine oder andere ein geeignetes Weihnachtsgeschenk für einen Hobbyveredler.


Durchführung des Kopulationsschnitts am Edelreis

Die günstigste Zeit für das Umpfropfen ist das Frühjahr (meist April), wenn sich mit beginnendem Saftdruck die Rinde am Baum lösen läßt.
Die aus dem Lager geholten Reiser sollten eine straffe, glatte Haut ohne Beschädigungen und nur leicht verdickte Knospen haben. Der anhaftende Sand muß abgespült werden. Die Edelreiser werden mittels des sog. Kopulationsschnitts folgendermaßen für die Veredlung vorbereitet (Beschreibung für Rechtshänder): Das Reis wird mit der linken Hand so umschlossen, daß es fest in der Hand ruht. Die Triebbasis ragt dabei nach vorne, die Triebspitze hinten aus der Hand heraus. Der Daumen wird gegen den Trieb gedrückt, der so in seiner Lage gesichert wird. Der linke Arm wird so am Körper angelegt, daß der Daumenballen unterhalb der linken Brust am Körper ruht. Das Reis wird in der Hand etwa 5 cm parallel zum Körper gehalten. In der rechten Hand wird das Pfropfmesser fest umfaßt, wobei der Daumen gegen das Messerheft drückt. Zum Schneiden wird die Klinge des Messers parallel an dem aus der linken Hand ragenden Reisteil angelegt. Der Schnitt muß weichziehend ausgeführt werden. Der Kopulationsschnitt am Edelreis muß so verlaufen, daß eine Knospe der Schnittflächenmitte gegenüber liegt. Diese Knospe begünstigt das Verwachsen des Reises, weil in ihrer unmittelbaren Umgebung besondere Reserven im Gewebe eingelagert sind. Ein Edelreis ergibt ca. 2-3 Veredlungen zu je 4-6 Knospen.
Vor dem eigentlichen Veredeln sollten Anfänger diesen Schnitt ausreichend üben. Auch Erfahrene Veredler müssen sich vor Beginn einer Veredlungssaison “einschneiden”. Denken Sie daran, das Messer muß scharf sein, damit der Schnitt möglichst glatt durchgezogen werden kann.


Veredlungsmethode

Die einfachste Methode, die auch gleichzeitig den größten Erfolg verspricht, ist das “Pfropfen hinter die Rinde”. Der umzupfropfende Baum wird für die Veredlung vorbereitet, d.h. die entsprechenden Äste werden abgesägt und abgeschnitten. Die dabei entstehenden Pfropfköpfe, in die die Edelreiser eingefügt werden, sollten mit dem Messer am Rand geglättet werden. Mit dem Pfropfmesser wird ein gerader dem Kopulierschnitt entsprechender Längsschnitt in die Rinde des Pfropfkopfes gefertigt. Durch den Saftdruck im Frühjahr lösen sich die Rindenflügel sehr leicht, so daß sich das zurechtgeschnittene Reis leicht hinter die Rinde schieben läßt. Das Reis sollte immer auf der Astoberseite eingesetzt werden. Am eingeschobenen Reis soll vom Kopulationsschnitt der Schnittansatz sichtbar sein; es dient so der besseren Verwachsung. Die Veredlung wird straff mit Bast verbunden und lückenlos mit einem Baumwachs verstrichen, wobei man folgendermaßen vorgehen sollte:
1. Schnittstelle über der Endknospe des Edelreises
2. Kopfwunde mit besonderer Beachtung aller um das Edelreis entstandenen Öffnungen
3. Längsschnitte an der Unterlage
4. Bast-Endknoten
5. Falls nötig, weitere entstandene Wunde
Ein nochmaliges Verstreichen kann erforderlich werden, wenn durch den starken Saftdruck Risse im Wundverschluß entstehen. Der Bastverband muß im Laufe des Sommers gelöst werden, damit er nicht ins Holz einschneidet und die Veredlung zum Absterben bringt. Mit fortschreitender Triebentwicklung sind die Konkurrenztriebe zu entfernen, die das Wachstum der Veredlungen behindern.


Schluss

Mit dieser Methode lassen sich besonders Apfel- und Birnbäume erfolgreich umpfropfen. Versuchen Sie einmal drei verschiedene Apfelsorten auf einen Baum zu plazieren. Die Begeisterung ist groß, wenn dann im Herbst verschiedenfarbige Früchte am Baum hängen. Für besonders interessierte Hobbyveredler ist ein Fachbuch zu empfehlen:
Heiner Schmid, Umpfropfen und Veredeln, Verlag Eugen Ulmer, Stuttgart


Ilse.Urban@dlr.rlp.de     www.gartenakademie.rlp.de drucken nach oben  zurück