Möglichkeiten von Kooperationen zwischen Weingütern und Kultur- und Weinbotschaftern

Stand: 10/19/2020

Bei der Vermarktung können Kultur- und Weinbotschafter wertvolle Partner für Weingüter sein. Welche Kooperationsmöglichkeiten es gibt, und dass die Weingästeführer ein wichtiges Bindeglied zwischen Winzern und Gästen bzw. Kunden sind, stellt Kathrin Saaler vom Kompetenzzentrum für Weinmarkt und Weinmarketing Rheinland-Pfalz dar.



Die Kultur- und Weinbotschafter sind in vielen Weinregionen zu einer festen Institution geworden. Sie durchlaufen eine etwa einjährige Ausbildung in den Bereichen Kultur & Geschichte, Wein, Methodik, Kommunikation und Geologie. Ausgestattet mit jeder Menge Wissen über die Region und ihre Weine geben sie ihre Begeisterung weiter und leisten einen wichtigen Beitrag zum Weinerlebnis.
Ihre Angebote sind dabei so vielfältig und facettenreich wie die Weinkulturlandschaft selbst. Bei Weinproben, Spaziergängen durch Orte und durch die Natur oder bei geologischen Entdeckungstouren durch die Weinberge wird Begeisterung für die Region transportiert. Den Gästen wird eine Wein-Erlebniswelt eröffnet, bei der die sinnliche Ansprache im Mittelpunkt steht. Die Kultur- und Weinbotschafter kommunizieren die Botschaften einer Region und lassen diese erfahrbar werden. Damit spielen Sie bei der Aktivierung und Bindung der Gäste eine wichtige Rolle. Der Nutzen für die Region liegt klar auf der Hand: Durch die Angebote der Kultur- und Weinbotschafter wird die touristische Attraktivität der Anbaugebiete gesteigert: Der Wein und seine Kultur werden erleb- und erfahrbar. Als professionelle Botschafter für die Region sind die Kultur- und Weinbotschafter außerdem eine große Unterstützung für Winzer, Gastronomie und Hotellerie, wenn es um die Betreuung von Gästen geht. Außerdem bedeuten touristische Angebote immer auch eine Wertschöpfung für die Region: Viele Gäste übernachten, gehen essen, einkaufen oder tanken. Das bedeutet einen Gewinn, der direkt der Region zugutekommt.


Foto: Rheinhessenwein e.V.
Die Kultur- und Weinbotschafter kommunizieren die Botschaften einer Region und lassen diese erfahrbar werden.

Für die Kultur- und Weinbotschafter ist es ganz klar, dass keine Führung ohne mindestens ein Glas Wein enden kann. Gerne wird diese Kostprobe gemeinsam mit dem Winzer vor der Gästegruppe präsentiert.
Wenn man durch das Jahresprogramm der Kultur- und Weinbotschafter blättert, dann entdeckt man viele Events, die gemeinsam mit Winzern auf dem Weingut durchgeführt werden: von einer Piwi-Verkostung über Rebsortenweinproben bis hin zur Führung durch eine Sektmanufaktur – dem Ideenreichtum sind keine Grenzen gesetzt.

Und auch viele selbstvermarktende Weingüter bereichern das weintouristische Angebot in und auch außerhalb der Weinanbaugebiete auf unterschiedliche Art und Weise: mit Vinotheken, Straußwirtschaften, Übernachtungsmöglichkeiten, vielfältigen Weinevents, Weinmessen, und, und, und. Für diese Angebote benötigt es kreative Ideen sowie Manpower und das oft zu Zeiten, in denen die Weingüter arbeitstechnisch schon voll ausgelastet sind.

Doch man muss nicht alles alleine tun: Um für Gäste und Kunden ein attraktives Angebot zu gestalten, können sich Weingüter Partner suchen. Ein möglicher Kooperationspartner sind Kultur- und Weinbotschafter. Dabei kann die Zusammenarbeit ganz unterschiedliche Formen annehmen. Die Aufgaben in einem Betrieb sind breit gefächert und können oftmals nicht mehr alleine von der Winzerfamilie bewerkstelligt werden. Besonders in den Bereichen Weinverkauf, Kundenbetreuung und Veranstaltungsorganisation können die ausgebildeten Gästeführer eine Unterstützung sein.

Attraktivität durch Kooperation

Der Vorteil von Kooperationen liegt klar auf der Hand: Partner entwickeln gemeinsam Ideen und spinnen diese weiter. Dabei kann jeder seine Stärken und Erfahrungen einbringen. Bestehende Angebote können genutzt und weiterentwickelt werden. Gemeinsame Projekte ermöglichen oft eine Entlastung der einzelnen Partner – zeitlich wie auch finanziell. Einen großen Vorteil bietet auch die gebündelte Kommunikation: so wird die Außenwahrnehmung verstärkt und es können Kanäle bedient werden, die bislang vielleicht noch gar nicht berücksichtigt wurden. Bei der Suche nach dem passenden Partner gilt es die Augen offen zu halten: Welche Aktive gibt es in der Region? Wer macht sich für regionale Produkte stark? Gibt es Gästeführer oder andere Interessensgemeinschaften, auf deren Angebot ich zurückgreifen kann? Vielleicht benötigt es auch etwas mehr Vorlaufzeit oder einen zweiten Anlauf, bevor ein interessantes Angebot entsteht. Wichtig sind strukturierte Absprachen und Raum für Kreativität.


Foto: Angelika Friedrich
Wichtig sind strukturierte Absprachen und Raum für Kreativität


Beispiel aus der Praxis: eine Kultur- und Weinbotschafterin – viele Einsatzmöglichkeiten

Am Beispiel der Kultur- und Weinbotschafterin Angelika Friedrich aus dem rheinhessischen Sulzheim wird deutlich, welche Einsatzbereiche sich für die Weingästeführer ergeben können. Angelika Friedrich brennt für Rheinhessen und hat neben der Ausbildung zur Kultur- und Weinbotschafterin unter anderem eine Weiterbildung zur Naturpädagogin sowie zur Radbegleiterin absolviert. Sie arbeitet in Teilzeit für die Tourist-Information in ihrer Heimat-Verbandsgemeinde. Daneben bietet sie zum einen selbst über ihre Website www.rheinhessisches.de viele Führungen, Radtouren und Events an, zum anderen gibt es da noch eine Menge an Aktivitäten, die in Zusammenarbeit mit Weingütern ein tolles Angebot für Kunden und Gäste darstellen. Die Kultur- und Weinbotschafterin ist breit aufgestellt. So reicht ihr Angebot von Dorf- und Naturführungen und -wanderungen über E-Bike Touren bis hin zu (kulinarischen) Weinerlebnisangeboten und Aktionen für Kinder.

In der Zusammenarbeit mit Weingütern sieht sich Angelika Friedrich in der Vermittlerrolle zwischen Gast und Winzer. Durch gemeinsame Aktionen gewinnen beide Seiten: das Weingut hat mit den Kultur- und Weinbotschaftern (Kuweibos) kompetentes, qualifiziertes Personal zur Seite, das verschiedene Aufgaben übernehmen kann. Bei den Gästen haben die Kuweibos aufgrund ihrer fundierten Ausbildung und ihres „Titels“ häufig einen hohen Stellenwert. In Gesprächen wecken sie Interesse und werden als kompetenter Ansprechpartner positiv wahrgenommen. So können die Winzer in sie vertrauen und ihnen fachliches Know-How zugestehen. Ganz wichtig sind genaue Absprachen: welche Rolle / Verantwortungsbereiche / Inhalte übernimmt der Winzer, welche der Kultur- und Weinbotschafter? Wie sehen der zeitliche wie auch finanzielle Rahmen aus? Diese Fragen sollten im offenen Austausch miteinander geklärt werden.
Da Angelika Friedrich mit einigen ganz unterschiedlich aufgestellten Weingütern zusammenarbeitet, ist es ihr wichtig, als Kuweibo eine neutrale Position einzunehmen.

Im Laufe der Jahre sind schöne Angebote entstanden. So z. B. die kulinarische Weinprobentour. Dabei werden drei Weingüter mit einem Kleinbus angefahren. In zwei Weingütern gibt es je eine 4er Weinprobe mit Kleinigkeiten zu Essen. Im dritten Betrieb wird die Weinprobe von einem 3-Gang-Menü und einer Betriebsführung begleitet. Aus einem Pool von Weingütern stellt Angelika Friedrich die Tour für ca. 20 Personen zusammen – meist mit unterschiedlichen thematischen Schwerpunkten. Die Erlebbarkeit von mehreren Betrieben macht das Angebot für die Gäste noch attraktiver als der Besuch nur eines Weingutes. Hier punktet also ganz klar die Kooperation. Sie begleitet die Gäste und erzählt ihnen Wissenswertes über die Region und den Weinbau. Die Weine werden von den Winzern selbst vorgestellt, wobei die Kultur- und Weinbotschafter durchaus auch selbstständig Weinproben übernehmen können.
Angelika Friedrich liegt das Zusammenbringen von Winzern mit den Gästen in der Region am Herzen. Häufig sind aus dem „Beschnuppern“ der Weingüter dann auch Folgegeschäfte entstanden: So haben Gäste anschließend thematische Weinproben, Familien- oder Weihnachtsfeiern direkt beim Winzer gebucht.

Bei ihren Wanderungen durch die Weinkulturlandschaft baut Angelika Friedrich Weinvorstellungen (z. B. an Weinbergshäuschen / -türmen) ein. Dann kommt der Winzer mit einer kleinen Weinauswahl direkt zum Treffpunkt und stellt seine Weine der Wandergruppe vor.
Bei ihren E-Bike Touren sind Straußwirtschaften und Winzerhof-Cafés willkommene Einkehrmöglichkeiten. So erleben die Gäste die unmittelbare Verknüpfung der Weinbauregionen mit deren wichtigsten Produkt.


Foto: Kultu- und Weinbotschafter
„Winzer für ein Jahr“ - In kleinen Gruppen vom 6-10 Personen schlüpfen die Teilnehmer in die Rolle des Winzers


Eine schöne Kooperations-Erfolgsgeschichte zwischen Winzern und Kuweibos ist das Projekt „Winzer für ein Jahr“, das 2020 in die vierte Runde startete. In kleinen Gruppen vom 6-10 Personen schlüpfen die Teilnehmer in die Rolle des Winzers. An vier Aktionstagen im Zeitraum von Februar bis September übernehmen sie gemeinsam mit dem Winzer und dem Kultur- und Weinbotschafter die nötigen Arbeiten im Weinberg und erfahren dabei einiges zum Weinbau. Bei jedem Termin dürfen eine Winzer-Vesper mit kleiner Weinprobe sowie Führungen bzw. Programmergänzungen durch den Kuweibo nicht fehlen. Beim Abschlusstreffen präsentieren die Teilnehmer dann ihren eigenen Wein, den sie in Glasballons zu Hause ausbauen. Für Angelika Friedrich startete mit diesem Projekt die Zusammenarbeit mit einem Weingut in Wallertheim. Dort wurde die Kultur- und Weinbotschafterin schnell zur hilfreichen Unterstützung und Ansprechpartnerin für Kunden auf Weinmessen und Weinfesten außerhalb der Region, auf denen sich das Weingut präsentiert. Hier sieht sich Angelika Friedrich als Botschafterin für das Weingut wie auch für Rheinhessen selbst und wird von den Gästen als kompetente Ansprechpartnerin geschätzt.
In Corona-Zeiten hat sie gemeinsam mit Winzer und Rebveredler Volker Kern zwei tolle „Erklär-Videos“ für ihre Kindergruppe „Naturdetektive“ gedreht. Dabei erklären die beiden wie eine Rebe entsteht und was eine Rebschule ist, da ein Zusammentreffen vor Ort mit den Kindern zu diesem Zeitpunkt nicht möglich war.

Andere Weingüter unterstützt die Rheinhessen-Botschafterin auf Hoffesten. Dort bietet sie als Rahmenprogramm für die Gäste einen kleinen Weinbergsrundgang mit Weinverkostung (Dauer max. 1 Stunde) an. So kann das Weingut seinen Kunden einen schönen Zusatznutzen im Rahmen des Hoffestes bieten.
Oder sie ist mit dem Winzer selbst und den Kunden zu einer geologischen Weinwanderung in den Weinbergen unterwegs.
Auch bei Weinfesten in der Region besteht die Möglichkeit, die Attraktivität und Vielfältigkeit des Festprogramms zu steigern: z B. durch eine Dorfführung am Sonntagvormittag oder durch eine geführte Weinprobe von Weinstand zu Weinstand.

Ähnlich wie „Winzer für ein Jahr“ ist auch das Kinderwingert-Projekt aufgebaut: In 8 Monaten zum eigenen Traubensaft: vom Rückschnitt und Binden über die Rebblüte und die Arbeiten, die im Laufe eines Jahres im Weinberg anfallen, lernen Kinder im Alter von 6 bis 12 Jahren den Winzeralltag kennen. Für die Dauer der Vegetationsperiode wird jedem Kind ein Rebstock anvertraut. Die Kinder beobachten, wie sich "ihr" Rebstock entwickelt, sehen die Trauben wachsen, die sie im Herbst lesen und aus denen sie ihren eigenen Traubensaft herstellen. Die Teilnehmer des Projekts erstellen ihr persönliches Wingertsbuch, das sie mit Leben füllen: Bilder, gepresste Pflanzen und Infoblätter - kindgerecht aufbereitet - sind nur ein Teil davon. Auch hier freuen sich die Kultur- und Weinbotschafter, die diese Zusatzqualifikation besitzen, über kooperierende Winzer.

Ein weiteres schönes Kooperationsbeispiel ist die Gratwanderung: Seit 2010 arbeiten die Kultur- und Weinbotschafter Rheinhessen mit den Winzern vom Roten Hang aus Nierstein zusammen, um gemeinsam diese Veranstaltungsreihe anzubieten. Die Gradwanderung findet von April bis Oktober einmal im Monat um 15 Uhr statt und kostet 15 Euro pro Person. Das sinnliche Erleben steht dabei im Mittelpunkt: so gibt es den Roten Hang zu sehen, zu fühlen und zu schmecken. Die Kultur- und Weinbotschafter begleiten die Gäste bei einer zweistündigen Wanderung durch die Weinberge und vermitteln dabei interessante Informationen zu der Geologie, den Pflanzen und natürlich dem Weinbau sowie zu den jeweils jahrszeitlich wichtigen Arbeiten im Weinberg. Selbstverständlich gehört die ein oder andere rheinhessische Geschichte oder Anekdote zum erlebnisreichen Spaziergang. Ganz „handfest“ können die Teilnehmer 290 Mio. Jahre altes Gestein in der Hand halten oder auch Haifischzähne aus der Zeit, als Rheinhessen noch ein Meer war.
Den Abschluss bildet eine Weinprobe mit drei Weinen direkt in den Weinbergen zu der jeweils ein bis drei Winzer der Winzervereinigung „Wein vom Roten Hang e. V.“ ihre Weine präsentieren und den Gästen als Ansprechpartner zur Verfügung stehen. So können die Teilnehmer die Einzigartigkeit der Terroirs direkt im Glas schmecken.
Die Bewerbung dieser Veranstaltungsreihe erfolgt zum einen über das Jahresprogramm der Kultur- und Weinbotschafter auf deren Website wie auch in der Broschüre „Rheinhessen entdecken“ und zum anderen über die Website der Winzervereinigung vom Roten Hang und über die Kommunikationskanäle der beteiligten Winzer. So werden nicht nur Weinkunden sondern gleichzeitig auch Kulturinteressierte und Gäste in der Region angesprochen. Die Kooperation ermöglicht einen weiteren Verbreitungskreis.

Ausblick

Für die erfolgreiche touristische Vermarktung einer Region braucht es starke Partner, die sich gemeinsam auf den Weg machen, die Attraktivität ihrer Heimat zu steigern und andere davon zu begeistern. Durch eine aktive regionale Zusammenarbeit einzelner Interessensgruppen und der konsequenten Ausrichtung auf Qualität und Qualitätssicherung kann ein vielfältiges, attraktives Weinerlebnisangebot geschaffen werden, das sich die Winzer für ihre Weinkunden zu Nutzen machen können. Jeder kann sich dabei auf seine Stärken besinnen. Durch Kooperationen können neue Angebote entstehen und Synergien genutzt werden.

Einsatzmöglichkeiten und Themen gibt es viele – gemeinsam spinnen lohnt sich! Kontakt zu den rheinland-pfälzischen Kultur- und Weinbotschaftern können Winzer, Gastronomen, Hoteliers und andere Interessierte über die jeweiligen Vereine direkt aufnehmen: www.kultur-und-weinbotschafter.de

Kathrin Saaler


Kathrin.Saaler@dlr.rlp.de     www.Weinmarketing.rlp.de drucken nach oben  zurück